Bildhauerei (3)

Auch die moderne Bildhauerei hat, wie viele andere von Kunstarten versucht, mit noch nicht dagewesenen Techniken, Formen und Dimensionen zu experimentieren. Manchmal schien dies erfolgreich zu sein, manchmal weniger. Die Schwierigkeit lag in der Zielsetzung auf solchem Gebiet; will man die Realität verschönern oder will man seiner Vorstellung, seiner Phantasie freien Lauf lassen? Theoretisch sind beide Herangehensweisen möglich, aber in der Praxis kommt die Skulptur der realen, konkreten Welt näher als der rein imaginären Realität. Wie sieht die Zukunft der Bildhauerei auf diese Weise aus? Wegen des sehr magischen Einflusses der Skulptur ist es wichtig zu beachten, dass sehr exzentrische, beinahe disharmonische Formen in diesem Bereich zu vermeiden sind. Auch wenn einige Bildhauer ihn scheinbar nicht berücksichtigen wollen, ist dieser magische Einfluss real, und wenn wir über die Bildhauerei der Zukunft sprechen, können wir ihn nicht ignorieren, wenn wir eine Form von Evolution und Fortschritt anstreben.

Die Frage ist daher, gibt es Formen, die zu empfehlen oder zu vermeiden sind? Formen vielleicht, aber es ist vor allem das Prinzip der Bewegung, das wieder in die Bildhauerei eingebracht werden muss. Was wollen wir mit einer Bewegung sagen? Es ist wahr, dass die Bildhauerei sehr weit von diesem Prinzip entfernt zu sein scheint, da Skulpturen immer unbeweglich, statisch sind. Und doch ist dies die Herausforderung für die Zukunft dieser künstlerischen Disziplin. Wie erreichen wir dies? Es zwingt uns, die Skulptur buchstäblich mit einem anderen Auge zu sehen, fließender, jenseits des äußeren Erscheinungsbildes schauend. Man könnte sagen, dass die Skulptur in gewisser Weise eine eingefrorene, gekühlte Form der Bewegung ist.

Die Skulptur ist eine „erfasste“ Bewegung, die unbeweglich geworden ist, aber paradoxerweise immer noch tief von dem durchtränkt ist, was sie hervorgebracht hat. Das, was die Bewegung gebiert, die dann in der Skulptur einfriert, ist eine Vision, eine Vision von etwas, das lebt und sich bewegt. Das ist das große Paradoxon, das im Inneren dieser künstlerischen Disziplin lebt, der Gedanke der Bewegung, die dem Leben innewohnt. Bevor er mit der Formgebung beginnt, sieht der wahre Bildhauer nicht so sehr ein äußeres Bild wie der Maler, sondern er beobachtet innerlich einen Aspekt des Lebens in Bewegung. Das mit dem Bild verbundene Leben, wie es der Maler beobachtet, wird dann mit Hilfe der Farbe übersetzt. Im Falle des Bildhauers bewegt sich dieses Leben, es nimmt irgendwo seinen Anfang und geht in irgendeine Richtung, um dann mitten in dieser Bewegung erfasst zu werden und in Form einer Skulptur zum Stehen zu kommen. Das bedeutet, dass wir innerhalb einer Skulptur immer noch diese Bewegung finden, auch wenn sie statisch geworden ist. Aber weil sie diese Skulptur, diese Form geboren hat, kann sie nicht von ihr getrennt werden, sie bleibt mit ihr verbunden.

Wenn man sich die Bildhauerei der letzten 100 oder sogar 150 Jahre betrachtet, hat sich diese Bewegung verlangsamt. Das bedeutet, dass die Bildhauer begonnen haben, ihre Inspirationsobjekte selbst mehr und mehr mit einem zu statischen, zu starren Auge zu sehen. Anstatt die innere Bewegung einzufangen, aus der ihre Skulpturen entstehen könnten, versuchten sie, bereits existierende Formen zu kopieren, Bilder außerhalb ihrer selbst, die ihrerseits bereits ihrer ursprünglichen Bewegung enthoben und in der Materie erstarrt waren. Die Bildhauerei ist in gewisser Weise doppelt statisch geworden, sie hat zu oft versucht, dem, was schon eine Form hatte, eine Form zu geben, was bei der Malerei erlaubt sein mag, wo die Farbe dem etwas erstarrten äußeren Bild Leben verleiht. Aber die Bildhauerei arbeitet prinzipiell nicht mit Farbe, sondern mit Form. Und auf diese Weise braucht sie die Bewegung, wenn sie ihren Werken Leben verleihen will, und diese Bewegung kann nicht aus den Bildern der äußeren Formen geboren werden. Um einen Baum formen zu können, schaut der Bildhauer nicht so sehr auf seine Form oder seine Farben, er schaut auf seine Bewegung, er betrachtet die Richtung seines Wachstums nach oben oder in die Breite. Er betrachtet die Bewegung der Jahreszeit, die den Baum umgibt, den Frühling, den Sommer, den Herbst oder auch den Winter. Er beobachtet seine Stärke oder seine Flexibilität oder seine statische Seite oder eben die tausenden Bewegungen seiner kleinen Zweige…

Die Bildhauerei der Zukunft sollte sich von den äußeren Bildern lösen, die sie in den letzten anderthalb Jahrhunderten geformt hat, was zu dichten, zu materiellen, zu leblosen Skulpturen geführt hat. Die Skulpturen sind zu Objekten geworden, oft riesig, die aber nicht mehr wirklich inspirieren. Sie werfen bloß Fragen auf, rein intellektuell, nach ihrer Daseinsberechtigung, nach dem, was hinter ihnen steckt oder wozu sie genutzt werden können. Natürlich werden viele moderne Bildhauer sagen, dass sie nichts Besonderes im Sinn hatten, als sie ihre Figuren formten, dass alles spontan geschah. Das heißt aber nichts und zeigt eher einen Mangel an Tiefe und echtem Wissen seitens des Künstlers.

Die Bewegung, von der wir in diesem Rahmen sprechen, kommt von oben, aus der Welt der Seele und des Geistes. Es ist eine innere, geistige Bewegung, die allem Existierenden und allem Geschaffenen einen Sinn gibt. Es ist diese unsichtbare Bewegung, die eingefangen, in einer Skulptur festgehalten werden muss, und die alten Künstler wussten noch, wie man das macht. Diese Bewegung bezeugt, dass alles Göttlich ist und dass man seinen Blick (innerlich) nach oben richten muss, wenn man etwas wirklich Schönes, Erhebendes und Bleibendes auf der Erde schaffen will. Die Bildhauerei der Zukunft soll von neuem sichtbar machen, was für das bloße Auge unsichtbar ist, was aber real ist. Die Bewegung einer Skulptur ist die Vermählung zwischen der Liebe des Bildhauers für das, was erhaben, Göttlich ist und der Hand, die das Material mit Respekt berührt, um ihm die Form zu geben, die diesem Impuls des Herzens entspricht. In der Mitte befindet sich das Kind, das aus dieser Ehe geboren ist, das das Werk, die Skulptur ist.

Dieses Werk verkörpert eine göttliche Idee, die zum Künstler in Form einer Inspiration von oben kam, die seine Seele und sein Herz durchquert hat, bevor sie sichtbar wurde. Diese große Bewegung von oben nach unten, die sowohl die Inspiration als auch den Künstler und seine Werkzeuge einschließt, ist die in der Materie konkretisierte göttliche Liebe. Es ist diese Liebe, die die Welt aufs Neue vor den Skulpturen spüren muss und nicht nur ein Fragezeichen. Es ist diese Liebe, die alle Antworten in einem einzigen Moment gibt oder die sich lange nach der Betrachtung der Skulptur dem Bewusstsein des Betrachters Schritt für Schritt offenbart. Die künstlerische Bewegung, die mit der wahren Bildhauerei verbunden ist, ist eine inkarnierte göttliche Idee und nicht nur eine rein menschliche Fantasie, die sichtbar, greifbar gemacht wird. Denn diese letztere schafft sehr schnell eine Leere im Bewusstsein des Menschen, der betrachtet, während die wahre Bildhauerei bei uns bleibt, vielleicht für die Ewigkeit.

Mother