Licht – ©Mother

Malerei (3)

Das Phänomen der Farbe ist sehr tief mit dem künstlerischen Bereich der Malerei verbunden. Da, wo die Architektur und die Bildhauerei eher auf die Form, der Tanz auf die Bewegung und das Theater und die Poesie auf das Wort setzen, gehört das Prinzip der Farbe im Wesentlichen in den Bereich der Malerei. Aber was ist Farbe eigentlich, wo kommt sie her? Die Physiker werden uns erklären, dass Farbe erscheint, wenn ein Lichtbündel auf ein Hindernis, eine Form von Widerstand, irgendwo im Raum, der unser Universum ist, fällt, aber was bedeutet das wirklich, konkret?

Es bedeutet, dass unser Universum im Wesentlichen auf zwei Phänomenen aufgebaut ist: Das Licht und das, was kein reines Licht ist, oder besser, der Schatten. Letzterer gehört zur Materie, zu allem, was die physische, verkörperte Welt betrifft. Auf diese Weise sehen wir die Realität der Farbe zwischen zwei entgegengesetzten oder antagonistischen Polen erscheinen: Das Licht, das von dem kommt, was wir Geist nennen können, und der Schatten (oder die Dunkelheit), der mit der Materie verbunden ist. Diese beiden Realitäten, Schatten und Licht, brauchen nicht durch irgendein Urteil unseres menschlichen Intellekts umrahmt werden, denn sie sind neutral. Jeder hat seinen Platz und seine Funktion im Universum.

Was ist die Aufgabe des Lichtes? Das Licht leuchtet. Was ist die Aufgabe des Schattens oder der Materie? Er/sie erlaubt dem Licht, ihn/sie zu beleuchten und dadurch es selbst (das Licht) sichtbar, bzw. bewusst zu machen.

Das bedeutet, dass zwischen Geist und Materie ein ständiger, ununterbrochener Austausch stattfindet, der die Erweiterung des Bewusstseins ermöglicht. Kurz gesagt, kann man sagen, dass das spirituelle, innere Wachstum des Menschen dank der Existenz der Materie oder des Schattens, der Dunkelheit, geschieht, die wie eine Bildfläche vom Licht benutzt wird, um zu helfen zu verstehen, zu wachsen und spirituell voranzukommen, während man in dieser Welt inkarniert ist.

Aber wie kann die Farbe mit all dem, was gerade gesagt wurde, in Verbindung gebracht werden? Wenn das Licht zum Geist und der Schatten zur Materie gehört, befindet sich in der Mitte von beiden die Seele, und sie ist es, die mit dem Phänomen der Farbe verbunden ist. Die Seele im Inneren der menschlichen Struktur ermöglicht das Bewusstwerden, und dieses ist wiederum mit der Farbe verbunden. Wie bereits gesagt, das Licht fällt auf ein konkretes Hindernis oder einen konkreten Widerstand in der physischen, verkörperten Welt und erhellt auf diese Weise dieses Hindernis, was die Farbe erscheinen lässt. Farbe ist daher nichts anderes als die Anstrahlung eines physikalischen, konkreten Phänomens, und die Natur dieses Phänomens entscheidet über die Farbe, die erscheint. Wenn das Licht z.B. auf Gras fällt, sieht man grün erscheinen, auf Holz, braun, auf Wasser, blau oder grün, usw. Jedes Phänomen oder Ding lässt die Farbe erscheinen, die seinem Wesen entspricht, dem, was es ist. Das bedeutet, dass Farbe und die Art zu sein, Synonyme sind, und hier setzt der Bereich der Psychologie, oder des metaphysischen Verständnisses an. Eine Farbe betrifft einen inneren oder geistigen Aspekt, der für unsere irdischen Augen sichtbar geworden ist. Und das Wesentliche ist, dem inneren oder geistigen Aspekt nachzuspüren, um den es sich handelt, und sich nicht auf ein Urteil über die Farbe selbst zu beschränken, die man schön finden mag oder auch nicht. Unter diesem Blickwinkel sind Farben immer neutral, und gleichzeitig drücken sie deutlich die Realität aus, die sich unsichtbar hinter ihnen befindet. Ein abgestorbenes Blatt oder ein morsches Holz zeigt nicht die gleichen Grün- oder Brauntöne wie ein frisches Blatt oder ein gesundes Holz. So einfach ist das.

Wenn ein Maler ein Bild malen möchte, das den Eindruck von etwas Jungem oder Frühlingshaftem vermitteln soll, wird er selbstverständlich keine Farben verwenden, die dem Herbst oder Winter ähneln, das kann jeder nachvollziehen. Wenn es jedoch um die freie Farbwahl geht, die auf unseren persönlichen Vorlieben basiert, scheinen wir dieser dennoch mathematischen Argumentation direkt den Rücken zuzuwenden. An diesem Punkt geht alles, alles ist schön und erlaubt, auch abwegige Dinge. Mit „abwegig“ meinen wir, eine Farbe, die in einem objektiven Rahmen „Fäulnis“ bedeuten würde, wird, sobald sie eine Sache der persönlichen Sympathie ist, auf die Ebene einer schönen und harmonischen Farbe gehoben. Das Abwegige betrifft den Fakt, dass man eine Vorliebe für eine solche Farbe haben kann, aber das neutralisiert nicht gleich die Wahrheit, die hinter dieser Art der Farbe liegt.

Der neue Maler, die Malerei der Zukunft, wird auf einer vertieften, genaueren Kenntnis der wahren Natur der Farben beruhen. Nur so kann die Kunst ihre Rolle in dieser Welt wieder aufnehmen. Kunst muss Harmonie ausdrücken, hat aber oft eine falsche Harmonie. Die neue Kunst wird genau das ausdrücken, was sie sagen will, sei es durch die Farbe, die Bewegung, die Form oder die Sprache. Im Prinzip ist keine Farbe zu verurteilen, solange man ihren Charakter, ihre Sprache respektiert. Wenn das, was der Künstler vermitteln will, in der von ihm verwendeten Sprache, der Farbe, perfekt zum Ausdruck kommt, kann seine Kunst als leuchtend und damit als Segen für diese Welt betrachtet werden.

Mother