Poesie (3)

Wie sollen wir uns die Poesie der Zukunft vorstellen? Um auf diese Frage antworten zu können, ist es im Grunde genommen sinnvoll, zunächst einen näheren Blick auf die gegenwärtige Poesie zu werfen, und wir haben schon darüber gesprochen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Amateure dieser künstlerischen Disziplin nicht überaus zahlreich, und einer der Gründe für diese Lage ist die allgemeine Verarmung der Sprache. Seit 20 oder 30 Jahren, haben die Nutzung der Mittel der Kommunikation und der Digitalübertragung und alles andere rund um diese Welt zu einer echten Degeneration auf der Ebene des Gebrauchs der Sprache, der Worte oder der Wörter geführt. Abkürzungen, Auslassungen, die Vermeidung von langen Sätzen oder das Umgehen von allem, was auf die eine oder andere Weise auf der Ebene der Grammatik oder der Syntax kompliziert, erschöpfend oder schwierig ist, haben im Inneren von vielen Sprachen zu einer wahren Verwüstung geführt. Die Anzahl der Menschen, die richtig lesen oder schreiben können, nimmt stark ab, alles scheint sich zu verschlechtern oder gar zu vergehen, zu verschwinden, um durch was ersetzt zu werden?

Leider scheint nichts auf konstruktive oder erbauliche Weise das zu ersetzen, was nicht mehr gebraucht wird. Die wahren Liebhaber der Sprache oder des Sprechens machen sich zunehmend mit dem Ziel auf den Weg, das zu retten, was in ihren Augen gerettet werden muss, und ihre Bemühungen sind nicht nutzlos, aber sie erreichen sicherlich noch nicht die Mehrheit. Was so viel bedeutet, dass die Kunst der Sprache, zu der die Poesie gehört, noch eine Weile in den Händen einer Minderheit bleiben wird, wie es schon bisher der Fall war. Dies bedeutet jedoch nicht, entmutigt zu sein oder zu denken, dass alle Bemühungen oder auch Fortschritte in diesem Bereich vergeblich sind. Eben nicht, es ist das genaue Gegenteil. Die Kunst der Sprache soll die Menschheit eigentlich in die Zukunft führen, angefangen bei einer Minderheit, wobei die Zukunft immer von den Bemühungen einiger weniger vorbereitet wurde, niemals von der Mehrheit.

Im Grunde könnte man sogar sagen, dass die Zukunft der Menschheit von der Kunst des Sprechens abhängt, so seltsam das auch erscheinen mag. Denn was ist diese Kunst, was ist die Sprache? Mittels der Sprache konkretisiert der Mensch eine Absicht und einen Gedanken, die erhaben, oder im Gegenteil von minderer Qualität, ja sogar negativ sein können. Diese Konkretisierung ist magisch, göttlich, es ist Gott selbst, der unsere Welt, unsere Realität auf diese Weise geschaffen hat. Das Wort ist daher schöpferisch, ob im guten oder im schlechten Sinne. Diesen Gedanken finden wir auch zurück in der Geschichte von den Trompeten von Jericho: wenn der Klang mit dem Sprechen, dem Wort verbunden ist, kann er aufbauen oder zerstören. All dies bedeutet, dass der Gebrauch der Sprache eine ernstzunehmende Wirkung auf diese Welt und ihre Bewohner hat, und dieser Effekt ist nicht zu unterschätzen. Und selbst wenn sich nur eine Minderheit für so etwas wie die Poesie interessiert, ist diese Minderheit heilsam und kann die Flamme des Segens durch das Wort oder den Gedanken in dieser Welt am Leben erhalten, da, wo andere aus Unwissenheit dasselbe Mittel oft negativ nutzen. Die Macht der Sprache und durch sie der Gedanke, liegt in einer künstlerischen Disziplin wie der Poesie, und diese Poesie hat das Recht, kultiviert zu werden und weiter zu existieren. Es ist sogar eine Pflicht, eine Notwendigkeit. Aber diese Sprache, diese Wörter oder diese Worte dürfen keine hohlen, leeren Formen sein, denn gerade in ihrem Innersten liegt ihre Kraft, ihr Zauber. Damit diese Worte und Wörter all ihre Kraft entfalten können, müssen sie mit Sinn, Wahrhaftigkeit und sogar wahrer Liebe erfüllt sein. Deshalb geht es in der Poesie der Zukunft nicht darum, unklare Ideen, vage Gefühle oder gar reine Sentimentalität in Worte zu fassen. Nein, die Poesie der Zukunft wird klare Gedanken in Worte fassen, im Dienst erbaulicher, reiner Absichten. Diese Poesie will den Leser auf dem Weg des Verständnisses des Lebenssinnes weiterbringen, sie will die Menschheit belehren, indem sie echte Themen zum Nachdenken, zur Meditation anbietet. In der ferneren Vergangenheit gab es diese Art von Poesie, zum Beispiel im japanischen Haiku oder in Sufi-Gedichten. Die Intellektualisierung unserer heutigen Welt hat sich jedoch zu weit von dieser Art des Denkens oder der Poesie entfernt. Der moderne Mensch hat nicht gelernt, die Dinge des Lebens derart zu vertiefen, er lebt sehr an der Oberfläche, da, wo er bloß handeln oder von Dingen profitieren kann, die zur rein äußeren Welt gehören.

Denn es stimmt auch: Um die Welt der Poesie, einer tieferen Poesie wirklich verstehen und schätzen zu können, ist es notwendig, sich zu setzen, sich Zeit zu nehmen, in sich zu gehen, die Worte im Inneren von sich reifen zu lassen. Wer hat noch diese Zeit, wer lässt sich nicht (oder nicht mehr) ständig nach außen, ins konkrete Leben ziehen? Das bedeutet, dass die Poesie der Zukunft Bedingungen stellt, sowohl auf der Ebene der Dichter als auch auf der Ebene von denjenigen, die sie lesen werden. Die Dichter und Dichterinnen werden aufgefordert, eine tiefere, mehr meditative und mehr spirituelle Haltung gegenüber der Existenz einzunehmen. Die Leser oder Leserinnen werden im Grunde aufgefordert, die gleiche Haltung einzunehmen oder zumindest die eines ernsthaften Hinterfragens, eine Haltung des Suchens. Die Poesie der Zukunft wird sich mit der Mission betraut sehen, zu helfen, auf existenzielle Fragen zu antworten; sie wird zur Aufgabe haben, eine Brücke zu bilden, zwischen der konkreten Welt hier unten und der Welt oben, der Welt der Seele. Die Pflicht der Poesie der Zukunft ist es, diejenigen, die sie lesen dazu zu bringen, diese unsichtbare Welt besser zu verstehen. Denn gerade die Poesie hat die Fähigkeit, durch die Wahl ihrer Worte einen Hauch dieser höheren Welt im Menschen lebendig werden zu lassen.

Der Gedanken des Dichters, der aus dieser höheren Welt stammt, kann durch das poetische Wort das menschliche Herz berühren und darin eine mit der Seele verbundene Ergriffenheit hervorrufen. Das ist die Kraft der Poesie. Die Musik kann Menschen auch in diese Welt bringen, aber auf weniger dauerhafte Weise als die Poesie. In diesem Sinne verblasst die Musik, die Melodie leichter, außer, sie ist mit Worten verbunden. Es sind die Worte, die Bestand haben, es ist das Wort, das in unserer Erinnerung bleibt und weiterhin in uns wirkt, auf konstruktive Weise oder nicht. In diesem Sinn, ist die Kunst des Wortes, oder auch die Poesie, die Kunst der Zukunft, denn sie gründet auf der dauerhaften Kraft des Wortes, des Rhythmus und des Klangs zugleich. Und auch ohne gesprochen zu werden, sind die Worte der Poesie magisch, denn sie verbinden sich im Herzen, einschließlich der Erinnerung direkt mit der Welt oben. Mögen die Dichter und Dichterinnen den Weg zum neuen, göttlich inspirierten Wort im Dienst der menschlichen Evolution finden!

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